Ab Dezember 2001 kann das Aggertal-Gymnasium seinen kompletten Strombedarf über die Sonne decken. Das zukunftsweisende Projekt "Solarkraftwerk Aggertal-Gymnasium", das 1998 Jahren im Agendaprozess geboren wurde, ist bisher in dieser Form in der Bundesrepublik einmalig und aus Sicht der Initiatoren in hervorragender Weise geeignet, die Vorzüge des Agendaprozesses aufzuzeigen: es lebte davon, dass unterschiedliche Akteure (Wuppertal-Institut, Schulgemeinde, Aggerstrom, Rat und Verwaltung) an einem Strang zogen und gemeinsam ein zukunftsweisendes Projekt planten und realisierten.
Am 28.10.1998 berichtete die überregionale Zeitung "taz" unter der Überschrift "Geld verdienen mit Energiesparen in Schulen" über ein bundesweit bisher einmaliges Projekt. So absurd es klingen mag, mit der Sanierung einer Freiburger Gesamtschule verdienen Bürger jetzt Geld. Privatpersonen finanzieren dort die nötige Renovierung von Heizung, Lüftung und Beleuchtung. Dafür erhalten sie jenes Geld ausgezahlt, das die Stadt aufgrund des verringerten Energieverbrauchs einspart. Die Idee stammt von dem Energieexperten Dieter Seifried (Öko-Institut Freiburg), die von ihm prognostizierten Einsparungen sind inzwischen an der Freiburger Schule sogar noch deutlich übertroffen worden.
Etwa gleichzeitig begann in Engelskirchen der Prozess der Lokalen Agenda 21. Das Thema "Energiesparen" sowie die Nutzung regenerativer Energien war von Anfang an ein Schwerpunkt in den Agendaforen. Um zu erkennen, dass am ATG enormer Handlungsbedarf besteht, dafür brauchte man kein Energieexperte zu sein. Ebenso bekannt war jedoch, dass die Gemeinde pleite ist und auf absehbare Zeit dringend notwendige Sanierungsmaßnahmen nicht durchführen kann. Deshalb war es naheliegend, zu überprüfen, ob das Freiburger Modell "Einsparkraftwerk" sich auf das ATG übertragen lässt. Ein erster Versuch wurde bei einem Arbeitstreffen am 10.2.1999 gestartet. Auf Einladung von Agendaakteuren trafen sich in Raum 32 des ATG u.a. Vertreter der Schulgemeinde (Schulleiter, engagierte LehrerInnen, Schulpflegschaftsvertreter), Vertreter der Gemeindeverwaltung, Vertreter von Aggerstrom und Gasgesellschaft, Energiefachleute aus Oberberg und einige Agendateilnehmer. Vereinbart wurde, dass zunächst von Gasgesellschaft und Aggerstrom der notwendige Sanierungsaufwand in einem Gutachten ermittelt wird und dann die konkreten Umsetzungsschritte beraten werden. Diese Untersuchungen zogen sich hin; um die Finanzierung des Gutachten gab es einiges Gerangel hinter den Kulissen; der Prozess stockte und das Gesamtprojekt schien gefährdet.
Werden manche Projekte durch unnötige Verzögerungen gefährdet, so war es diesmal anders. Einerseits wurde die Einspeisebedingung für photovoltaisch erzeugten Strom dramatisch verbessert (seit 1.4.2000 wird die Kilowattstunde mit 99 Pf vergütet statt vorher mit 16 bis 17 Pf), andererseits beschloss der Energie- und Umweltausschuss der Gemeinde, dass auf dem Dach des ATG eine Solaranlage installiert werden soll. Mit der Umsetzung wurde der frühere Energiebeauftragte der Gemeinde, Herr Schaumburg, beauftragt, der inzwischen bei der Aggerstrom tätig ist.
Durch seine Kontakte zum Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie wurde das Modell "Solarkraftwerk" entwickelt, dass das ursprüngliche Modell "Einsparkraftwerk" noch um eine solare Komponente erweitert.
Das vom Wuppertal-Institut entworfene Projekt wurde als Leitprojekt der "100.000 Watt-Solar-Initiative NRW" entworfen. Ziel dieser Initiative ist es, an größeren Schulen in NRW eine Solaranlage (Photovoltaik) mit einer Leistung von 50 Watt pro Schüler zu installieren. Weiterhin sollen pro Schüler mindestens 50 Watt Einsparung über eine effizientere Beleuchtung und sonstige Einsparmaßnahmen realisiert werden. Die Praxis zeigt, dass in vielen Fällen bei der Beleuchtungssanierung eine Effizienzsteigerung von über 50 Prozent erzielbar ist. Durch die Kombination der Nutzung der Solarstrahlung mit der Effizienzsteigerung beim künstlichen Licht, kann ein in sich wirtschaftliches Modell für die beiden Maßnahmen dargestellt werden. Pro Schüler soll so der Leistungsbedarf aus herkömmlichen Energiequellen um mindestens 100 Watt gesenkt werden. Für eine Schule mit 1.000 Schülern bedeutet dies eine Leistungseinsparung von 100.000 Watt. Damit wird auch ein nicht zu vernachlässigender Beitrag zum Klimaschutz geleistet.
Die 100.000 Watt-Solar-Initiative soll einen Beitrag zur Marktentwicklung der Photovoltaik und für die Marktdurchdringung effizienter Beleuchtungssysteme leisten. Darüber hinaus soll die Initiative durch die praktische Anschauung und Umsetzung über diese Technologien informieren und über die Beteiligung an der Initiative auch für weitergehende Verhaltensänderungen motivieren.
Die Investition pro Schule beträgt zwischen 500.000 DM und einer Million DM. Die Finanzierung und Umsetzung der Projekte erfolgt über Bürgerbeteiligung, Kapitalaufnahme im Rahmen des 100.000-Dächer-Programms und über Inanspruchnahme von Investitionszuschüssen (z.B. REN-Programm des Landes NRW). Bei der Umsetzung der Projekte sollen jeweils lokale Partner wie z.B. Stadtwerke, Installationsbetriebe sowie die Förderverein der Schulen einbezogen werden.
Das Wuppertal Institut erwartet eine Beteiligung von 20 bis 100 Schulen an diesem Programm.
Damit werden völlig neue Wege beim Energiesparen in Nordrhein-Westfalen beschritten. Die Idee dahinter: Klimaschutz sollte man eigentlich als Kapitalanlage verstehen, schließlich ist rationelle Energienutzung in einem weiten Bereich wirtschaftlich. Wieso verbindet man also nicht Maßnahmen für den Klimaschutz mit einem Angebot einer interessanten "grüne Kapitalanlage" für jedermann? Nach den guten Erfahrungen beim Betrieb des ersten Einsparkraftwerks an einer Freiburger Gesamtschule wurde das Konzept am Wuppertal Institut weiterentwickelt. Mit der 100.000 Watt Solar-Initiative werden in Zukunft Solar- und Einsparkraftwerke in Nordrhein-Westfalen realisiert.
Zum Pilotprojekt ATG: Auf dem Dach des Aggertal-Gymnasiums in Engelskirchen entstand nach den Herbstferien 2001 in kürzester Zeit das größte Solarkraftwerk der Region. Der Bau einer 43-kW-Photovoltaikanlage wurde mit erhebliche Stromeinsparinvestitionen (Sanierung der kompletten Beleuchtungsanlage) kombiniert. Ein neues Blockheizkraftwerk der Stromversorgung Aggertal ergänzt das Projekt. Private Geldgeber beteiligen sich als stille Gesellschafter an den Maßnahmen. Der finanzielle Ertrag des Solarkraftwerkes (rund 30.000 DM im Jahr) und das durch den reduzierten Strom- und Wärmeverbrauch eingesparte Geld wird über 20 Jahre hinweg an die Investoren ausgeschüttet. Dank der Solar- und Spar-Investitionen konnte die herkömmliche Stromversorgung der Schule von 120.000 auf 30.000 Kilowattstunden jährlich reduziert werden. Damit ist das Aggertal-Gymnasium ist die erste Schule in NRW, die ihre komplette Stromversorgung in der Jahresbilanz mit Solarstrom abdecken kann.
Die Finanzierung des Solarkraftwerks ATG erfolgte in Anlehnung an das o.g. Freiburger Pilotprojekt zum erheblichen Teil über ein Bürger-Contracting-Modell. Beim Stand von 188.000 Euro wurde der Beteiligungs-Fonds am 4. Okt. 2001 geschlossen. Insgesamt haben sich 60 private Anleger an dem Projekt beteiligt. Einige Geldgeber mussten auf Nachfolgeprojekte im Jahr 2002 vertröstet werden. Erfreulich war, dass sich unter den Investoren neben Eltern und Lehrern auch viele SchülerInnen (auch ehemalige) befinden. Darüber hinaus beweisen Investitionen aus allen Teil der BRD, dass dieses Projekt bundesweit Modellcharakter besitzt und hoffentlich viele Nachahmer finden wird.
Von dem am Wuppertal Institut entwickelten Konzept profitieren alle Seiten: Der Investor erhält eine ordentliche Verzinsung, die Schule und die Gemeinde sparen Sanierungskosten, Lehrer und Schüler erleben hautnah praktischen Klimaschutz, der Hausmeister hat weniger Wartungsarbeiten, die örtlichen Handwerker erhalten Aufträge und die Umwelt wird jährlich mit über 200.000 Kilogramm Kohlendioxid entlastet. Nach der für das Engelskirchener Projekt im Detail dokumentierten Erfolgsvorschaurechnung soll an jeden Investor in den kommenden 20 Jahren das Doppelte seines eingesetzten Kapitals zurückfließen. Dies entspricht einer jährlichen Verzinsung in Höhe von vier bis fünf Prozent.
Voraussetzung für die Realisierung des Projektes war, dass zwischen Gemeindeverwaltung, Schulgemeinde und der Stromversorgung Aggertal schnell einvernehmliche Lösungen gefunden wurden. Für dieses Projekt wurde die Solar&Spar Contract GmbH & Co. KG gegründet, sie die Bürgerbeteiligung organisiert und begleitet die Realisierung der Maßnahmen. Mit der Gemeinde Engelskirchen hat das frischgebackene Unternehmen einen entsprechenden Contracting-Vertrag abgeschlossen. Der Rat hat das Projekt einhellig begrüßt. Das Wuppertal Institut übernahm die wissenschaftliche Begleitung des Projektes. Damit das Projekt als Vorbild für ähnliche Vorhaben an anderen Schulen dienen kann, wurde die Idee und ihre Umsetzung dokumentiert.
Das zukunftsweisende Beteiligungsmodell dürfte mit den Jahren sogar noch an Attraktivität gewinnen: Wenn in den kommenden Jahren die Energiepreise deutlich ansteigen werden - was wohl zu erwarten ist - können sich die Kapitalanleger freuen: Je teurer Strom, Wärme und Wasser werden, desto höher sind die eingesparten Energie- und Wasserkosten, desto größer ist die Rendite der Kapitalanlage.
Mit einem solchen Modell kann man also gleichzeitig Klimaschutz betreiben und sich gegen zukünftige Energiepreissteigerungen finanziell absichern. Das gilt sowohl für die Anleger, die sich kapitalmäßig an solchen Projekten beteiligen, als auch für die Liegenschaftsbesitzer: Wenn 50 Prozent des Energiebedarfs eingespart werden, dann kann die Energiepreisteuerung sich nur auf den Restenergiebedarf auswirken. Klimaschutz, der sich rechnet.
Aufgrund der sonnigen Wetterlage vor, während und nach Ostern hat das
Solarkraftwerk auf dem Dach des ATG jede Menge emissionsfreien Strom
produziert und ins öffentliche Netz eingespeist. Mittlerweile sind so
bereits über 4.000 Kilowattstunden Solarstrom sozusagen über Ihnen
entstanden.
Ausführliche Informationen gibt es im Wuppertal Institut
Ansprechpartner beim Wuppertal Institut
Dr. Kurt Berlo und Thosten Ellenbeck
Tel.: 0202 / 24 92-174
Fax: 0202 / 24 92-198
kurt.berlo@wupperinst.org
Ansprechpartner beim Aggertal-Gymnasium
Helmut Schäfer
Tel: 02263/1599
Fax 02263/47187
HSCHAEFER@t-online.de